Was, wenn die Zukunft irrelevant ist?
Und ein paar mehr Worte über KI und das Valley, because why not?
Dieser Newsletter ist tatsächlich etwas länger geworden. Es geht um Silicon Valley Storytelling, die neueste Mutation des Valleys, Workslop (“KI” gedankenlos im Job einsetzen) und das üblich Merkwürdige und Anderes.
Serviervorschlag: Mit Kaffee.
Rockt die Woche,
Johannes
P.S.: Ich bin im Oktober bei den Medientagen auf einer Bühne. Wer vor Ort ist und Lust auf einen Kaffe/Bier hat—gebt Bescheid!
Mark Zuckerberg hat letzte Woche eine neue Iteration seiner “Smart Glasses” vorgestellt. Dass die Live-Demos eine ganze Reihe technischer Probleme hatten, ist noch nicht einmal das Interessanteste an der ganzen Sache. Persönlich finde ich Smart Glasses als Kategorie auch absolut langweilig—aber auch das ist nicht wirklich worüber ich hier schreiben möchte.
+ Fairerweise sind die Brillen technisch beeindruckend.
Worüber ich schreiben will ist ein Zitat Zuckerbergs: Die Idee, dass Nicht-Nutzer:innen eines Tages möglicherweise “signifikante kognitive Nachteile” hätten. Diese Art über die eigenen Produkte zu sprechen, ist Standard-Silicon-Valley-Marketing. Es ist so unüberraschend, wie effektiv. Man nehme das eigene Produkt, spekuliere über seine unausweichliche Zukunft und mische das ganze mit ein wenig Existenzängsten. Voilá et bon appétit. (Das gleiche Muster lässt sich bei fast allen Tech-Unternehmen beobachten, insbesondere OpenAI & Anthropic.)
Anfang September hatte ich die Chance an der ersten Hype Studies Konferenz in Barcelona teilzunehmen. Eines der vielen Themen war, wie man besser mit dieser Marketing-Rhetorik umgehen könne. Insbesondere, ob man sich überhaupt auf Zukunftsbilder einlassen sollte oder ob die skizzierte Zukunft in diesen schlicht irrelevant ist.
Eine offensichtliche Strategie ist es natürlich, den Inhalt einer Vision zu hinterfragen. Beispielsweise im Detail herauszuarbeiten, dass Zuckerbergs Vorstellung natürlich Unsinn ist, die tatsächliche Nutzung von Technologie weitaus komplexer ist, usw. Es ist keine ineffektive Strategie—und deshalb habe ich das in diesem Newsletter oft getan und werde es auch weiter tun—aber sie nimmt die Vision selbst immer ernst.
Nur hat das Valley keine konsistente Vision. Es braucht nur die nächste Wette. Gestern Web3, heute KI, morgen etwas Neues. Dass diese Visionen austauschbar sind, macht sie nicht harmloser, sondern gefährlicher. Teil der ‘Failure Culture’ des Valleys ist zudem, dass falsche Vorhersagen keinerlei professionelle Konsequenzen haben. Im Gegenteil, wilde Spekulation und Futurity gehören zum guten Ton.
Wenn diese Personen also selbst nicht ihre eigenen Aussagen glauben, warum sollten wir es also tun?
Was also, wenn wir den Inhalt dieser Rhetorik komplett ignorieren? Anstatt Zuckerberg ernst zu nehmen, läge der Fokus alleine auf dem Effekt seiner Aussagen: Bewegt er Aktienkurse? Wohin fließen Investments? Schafft er es politischen Einfluss zu nehmen? Bewegen sich andere Unternehmen in ähnliche Richtungen? Wenn wir Zuckerbergs Worte wie Zukunftsprognosen behandeln, spielen wir genau das Spiel mit, das er uns vorgibt. Wenn wir hingegen nur ihre Wirkung beobachten, entziehen wir ihm die Deutungshoheit.
Vielleicht ist die eigentliche Aufgabe gar nicht, bessere Zukunftsbilder zu malen, sondern noch sichtbarer zu machen, welche Gegenwart diese Bilder schon jetzt produzieren. Was zählt, sind die Verschiebungen von Kapital, Macht und Aufmerksamkeit, die diese Aussagen bewirken—nicht deren Inhalt. Die Frage ist: Trauen wir uns, das Silicon Valley nicht beim Wort zu nehmen, sondern bei seinen Effekten?
+ Bisher scheinen Meta’s Brillen vor allem ein Minus-Geschäft zu sein—was btw auch die Motivation für die großen Zukunfts-Narrativen sein dürfte.
+ Ein guter Artikel über Tech-Hypes von den Organisatoren der Hype Studies Konferenz.
Quo Vadis Valley?
In den letzten Tagen sind gleich mehrere Texte erschienen, die zusammen ein beklemmendes Bild des Silicon Valleys zeichnen. Wired beschreibt, wie die Tech-Elite in einem „suicide pact“ mit Trump gelandet ist: Big Tech ist politisch vereinnahmt und moralisch ausgehöhlt. Wer noch vor 10 Jahren die Welt besser mache wollte (haha…), hofiert heute den Präsidenten, um Geschäfte und Exportlizenzen zu retten.
Ariana Bindman (SFGate) zeigt, wie sich diese Allianz anfühlt: In San Francisco hängen „Stop hiring humans“-Plakate, während dieselben Konzerne massenhaft Beschäftigte entlassen und Wasser, Wohnraum und Infrastruktur belasten. Die verspielte, teilweise absurde Startup-Szene San Franciscos ist Vergangenheit, stattdessen entsteht eine neue Mutation: dystopischer und KI-getrieben (im doppelten Sinne).
Und dann gibt es noch die „AI Kids“ im New York Magazine: junge Gründer:innen (“No one is dating, but everyone is hiring”) im Goldrausch, die lieber 16 Stunden coden als „wage slaves“ bei Google zu werden und dabei mit einem Schulterzucken die Wahrscheinlichkeit kalkulieren, dass ihre Erfindungen die Menschheit zerstören könnten. Der Vibe ist hier definitiv kultisch.
Es lässt einen etwas ratlos zurück.
+ “Konträr” im Silicon Valley zu sein ist mehr eine Performance als echte Meinungsverschiedenheit
+ Wired’s neue Strategie: Journalist:innen als Influencer:innen, Murals, mehr Politik und höhere Abo-Kosten. Sie scheint aufzugehen.
Merkwürdiges und Anderes
Workslop—“[AI-]generated work content that masquerades as good work, but lacks the substance to meaningfully advance a given task.” Laut Studie schadet gleichgültige LLM-Nutzung in der Arbeit der Produktivität, da die Kolleg:innen den eigenen Unsinn ausbaden müssen und mich als Konsequenz als weniger kreativ, vertrauenswürdig und intelligent wahrnehmen. Upsi.
+ Ein Effekt der vor 18 Monaten bereits von Ökonomen vorhergesagt wurde. Upsi.
+ Die Financial Times hat (mit “KI”) Quartalsberichte der S&P 500 analysiert: Die Unternehmen sprechen gerne und viel über ihren Einsatz von “KI”, können aber weder echte Transformationen noch steigende Aktienkurse vorweisen (Datencenter-Supply-Chain Firmen einmal ausgenommen). Ah, well…
Popeye veröffentlicht eine erste Englisch-sprachige Sonderausgabe über Tokyo
Eine sehr detaillierte Einführung in die wundervolle Welt von Farbräumen 🌈
Ein Buch über die verschiedenen, insb. chinesischen, Ideen was KI eigentlich ist
Dazu: Ein Buch über die Geschichte des chinesischen Computers 🇨🇳
Und: Die Geschichte chinesischer Schriftzeichen und der Druckerpresse
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Der Hauptgrund für ein iPhone Update: Kaputte oder obsolete Altgeräte—nicht neue Features 📱
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Dating auf Basis deines Browser-Verlaufs ¯\_(ツ)_/¯
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