Was war Social Media?
Dieser Newsletter wurde auf dem Balkon mit einem Espresso Tonic geschrieben, während ich mich im Kopf noch von der Re:publica erhole.
Rockt die Woche,
Johannes
P.S.: Ich darf auf dem Civic Data Camp in Erfurt etwas über ݁₊ ⊹ ݁Hype ⊹ ₊ ݁ erzählen. Kommt vorbei, wenn ihr lernen wollt, wie man den Gartner Hype Cycle richtig liest!
Was war Social Media?
Dass soziale Medien in 2026 nicht mehr die Netzwerke sind, die sie 2016 einmal waren, ist recht offensichtlich. Aber was genau sind sie tatsächlich geworden?
“Parasoziale Netzwerke,” argumentiert Danah Boyd. Einseitige Beziehungen zu wenigen prominenten Personen haben die ursprüngliche Idee eines echten Netzwerkes auf Augenhöhe abgelöst:
[…] we imagined a social media ecosystem that prioritized strengthening connections through media rather than one that replaced connections with media.
Die beiden Sozialwissenschaftler Petter Törnberg und Richard Rogers gehen noch einen Schritt weiter: Der Begriff „soziale Medien“ selbst ist überholt, und wir befinden uns im Post-Social-Media-Zeitalter. Das bedeutet explizit nicht, dass diese Netzwerke sterben oder verschwinden—sie haben sich nur so stark verändert, dass “sozial” möglicherweise nicht mehr das richtige Adjektiv ist.
Der Grund ist der Fokus auf Feeds, die nicht mehr soziale Signale, sondern Aufmerksamkeitsmetriken priorisieren, der Rückzug von Nutzer:innen in geschlossene Räume und… KI. Törnberg und Rogers schreiben als Konsequenz von drei neuen Kategorien:
Algorithmic Broadcasting Platforms (Instagram, TikTok, etc.)—Fast wie lineares Fernsehen, nur algorithmisch personalisiert. Nutzer:innen sind zunehmend passive Konsument:innen. Anstelle der klassischen “many-to-many” Logik, wird Aufmerksamkeit spitz (few-to-many) verteilt. Die Inhalte werden dabei von professionellen Creators, Marken und automatisierten Accounts erstellt. Echte soziale Interaktion ist dabei zweitrangig.
+ “Clipping”—das bezahlte Posten kurzer Szenen aus Filmen/Serien/Podcasts—ist als Industrie(!) die direkte Konsequenz dieser Plattformstrukturen.
Semi-Private Spheres and Micro-Communities (Discord, Bluesky, Substack, etc.)—Diese Netzwerke können als Gegenbewegung verstanden werden. Anstelle von Reichweite treten gemeinsame Kontexte und Interessen in den Vordergrund. Der Unterschied zu den Vorgänger-Netzwerken besteht darin, dass sie soziale Verknüpfungen durch ihre Abgeschlossenheit produzieren.
AI Chatbots as Media—Mehr Amerikaner (52%) haben 2025 mit Chatbots geschrieben als auf sozialen Medien gepostet (35%). Obwohl es noch unklar bleibt, wie genau diese Systeme genutzt werden, bzw. ob sie ein echter Ersatz für soziale Medien sind, ist es ein interessanter Datenpunkt. Die soziale Interaktion ist lediglich simuliert, strikt individuell und kommt mit all den bekannten Problemen von LLMs.
+ “KI Psychosen”, Suizide, und romantische Beziehungen mit LLM-Charaktären sind hier gute Beispiele.
Persönlich fassen alle Autoren etwas für mich in Worte, was ich schon länger versucht habe, zu greifen. Es ist letztendlich in 2026 unmöglich, von einem gemeinsamen “sozialen” Raum zu sprechen. Das hat mitunter Folgen für demokratische Teilhabe und Meinungsbildung, die über die letzte Dekade stark auf (soziale) Plattformen gewandert sind. Was bleibt, ist eine merkwürdige Ironie: Plattformen, die einmal Verbindung und Öffentlichkeit versprochen haben, produzieren heute drei Dinge: Unterhaltung, Abschottung und simulierte Intimität.
Fieldnote(s)
Unter der S-Bahn-Brücke im Innenhof der Re:publica steht ein Burrito-Foodtruck—mit Starlink-Antenne auf dem Dach. “Bestes Produkt,” antwortet einer der beiden Verkäufer stolz hinter dem Tresen auf meine Frage. “Gerade auf Festivals. Überall, wo viele Menschen mit vielen Handys sind.” Hinter ihm steht eine Kamera, montiert auf einem Gimbal. Auf Instagram hat das Unternehmen etwa 7.500 Follower. “Das Bezahlsystem funktioniert sonst einfach nicht… ohne Internet.” Der Burrito quasi als Knotenpunkt zwischen Bohnen, Reis, Satellitenkonstellation, Mega-IPO, Bezahl-API und Social-Feed. Gekauft habe ich keinen.
Merkwürdiges und Anderes
Hype Literacy—Für die Deutsche Welle durfte ich bei der Erstellung eines Online-Kurses zu “Hype Literacy” unterstützen. (Ich bin da etwas stolz drauf!)
Vibe Maintenance—Es gibt ein paar erste Signale dafür, was die langfristigen Effekte von Vibe Coding auf die Softwarequalität sein könnten. Gitclears “Code Quality” Report kommt auf Basis von Daten bis 2024 zu dem Schluss, dass viel Energie in mehr Code, bzw. neue Features gesteckt wird; deutlich weniger in die Optimierung bestehenden Codes. Eine Umfrage von CloudClear zeichnet ein ähnliches Bild: Code wird schneller geschrieben, als er getestet werden kann. Die Konsequenz? Mehr Bugs, Ausfälle und höhere Kosten in der Softwareentwicklung—jetzt nur eben an anderer Stelle.
+ Eine detaillierte Analyse des ClaudeCode-Codes und was sich daraus über die Arbeitskultur bei Anthropic schließen lässt: “The company that sells AI coding tools cannot build a quality product with its own AI coding tools.”
30 Jahre “Startup-Methoden” haben kaum einen Effekt auf die Überlebensrate neuer Tech-Unternehmen gehabt—im Gegenteil scheitern sie heute mehr
Eine ausführliche Analyse des amerikanischen Stromnetzes 🔌
Ein Interview mit der nicht mehr ganz so neuen Wired Chefredakteurin (“If you still don’t understand why Wired covers politics you are either willfully ignorant or a complete idiot.”)
Eine wirklich wirklich coole Liste an Indie-Publikationen ✨
Alle Fotos der Artemis-II-Mission als Timeline 🚀
Eine technische Analyse der Anzeigen-Pipeline in ChatGPT
Indie-Buchläden haben ein Comeback in den USA, unter anderem aufgrund der Plattform bookshop.org 📖
Wikipedia: eine Liste von KI-Text-Klischees
Ein paar neue Wörter:
Eine Karte der 80(!) verschiedenen Co-Piloten in Microsoft-Produkten (inkl. Co-Piloten in Co-Piloten…)
Und trotzdem werden sie anscheinend nur von 3% aller Microsoft-Nutzer:innen genutzt
isaiprofitable.com ¯\_(ツ)_/¯
Wie pflanze ich einen Mikro-Wald? 🌳
“We have a problem in thinking about technology and change: we do not think about it realistically, we do not draw on experience. We think in clichés: technology will enslave us; it will liberate us; it will turn children into anti-social weirdos. It will create a perpetual peace; it will lead to hideous wars.”
—David Edgerton, vor fast 30 Jahren



Diese Überlegungen zu Social Media sind wirklich interessant, denn bestreiten würde sicherlich niemand, dass das mit "social" nicht mehr viel zu tun hat. Eigentlich braucht es dafür wirklich einen neuen Begriff. „Parasoziale Medien" finde ich nicht ganz passend, weil ja auch viele Inhalte von Accounts ausgespielt werden, denen man nicht folgt bzw. die man noch gar nicht kennt. Frage mich aber, wie lange es noch dauert, bis sich dafür ein neuer Begriff durchsetzt.